{"id":3759,"date":"2013-01-23T00:00:00","date_gmt":"2013-01-23T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ffl.lu\/2013\/01\/wurden-sie-einem-leprakranken-die-hand-reichen\/"},"modified":"2020-06-22T12:39:38","modified_gmt":"2020-06-22T12:39:38","slug":"wurden-sie-einem-leprakranken-die-hand-reichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ffl.lu\/de\/2013\/01\/wurden-sie-einem-leprakranken-die-hand-reichen\/","title":{"rendered":"W\u00fcrden Sie einem Leprakranken die Hand reichen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>W\u00fcrden Sie einem Leprakranken die Hand reichen? Wahrscheinlich haben Sie sich diese Frage noch nie gestellt. Kein Wunder, der letzte einheimische Leprakranke starb in Luxemburg um 1800<em>.\u00a0<\/em>Auf anderen Teilen der Erde sieht das anders aus. Millionen Leprakranke werden t\u00e4glich wegen ihrer Verst\u00fcmmelungen ausgesto\u00dfen und diskriminiert. Neben der psychischen Belastung weist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf einen weiteren Aspekt, den die schmerzliche Ausgrenzung zur Folge hat: Laut WHO kann die weltweite Bek\u00e4mpfung von Lepra nur dann gelingen, wenn Leprakranke und ihre Familien nicht l\u00e4nger stigmatisiert werden. Nur wenn Menschen Grenzen durchbrechen und Ausgrenzung keine Chance geben, kann Lepra beseitigt werden: Diese Idee steckt hinter dem Motto \u201eFFL against exclusion\u201c, den sich die Fondation Follereau Luxembourg zum 60. Weltlepratag auf die Fahnen geschrieben hat.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eG\u00e9if dir engem Leprakranken d\u2019Hand reechen?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht hat Sie diese Frage in den vergangenen Tagen schon im Radio auf RTL Luxembourg begleitet?\u00a0 In wenigen S\u00e4tzen versucht der Spot zu erkl\u00e4ren, was der FFL anl\u00e4sslich des 60. Internationalen Weltlepratages auf der Seele brennt. Die luxemburgische NGO nutzt das gro\u00dfe Jubil\u00e4um, um an die weltweite Diskriminierung zu erinnern, die Leprakranke vielfach immer noch \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen. So leben etwa drei Millionen Leprakranke auf der Welt, die sehr stark von ihrer Krankheit gekennzeichnet sind. Diese Menschen konnten zwar medikament\u00f6s von der Krankheit befreit werden \u2013 aber wegen der vergleichsweise sp\u00e4ten Behandlung hat die Krankheit bei ihnen bereits zu Behinderungen wie Verst\u00fcmmelungen, L\u00e4hmungen, Blindheit und Geschw\u00fcren gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n<p>Noch heute werden sie von Freunden und der eigenen Familie ausgesto\u03b2en und verjagt; die Isolation f\u00fchrt zu einer menschenunw\u00fcrdigen psychischen Belastung. Da in einigen Kulturkreisen immer noch der Glaube besteht, dass die Ursache der Lepra \u00fcbernat\u00fcrlich sei, werden die Betroffenen stark stigmatisiert. Die FFL setzt daher auf den Komoren, im Benin, in Madagaskar, Guinea, Mali und der Zentralafrikanischen Republik verst\u00e4rkt auf Sensibilisierungskampagnen, um den Fluch zu entmachten, der seit Jahrhunderten an dieser Krankheit haftet. Zudem versucht die luxemburgische NGO mit medizinischen Behandlungen und einer Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse vor Ort gegen die bedrohliche Entwicklung vorzugehen. Das Ziel besteht darin, den Teufelskreis der \u201eKrankheit der Armen\u201c, so wird die Lepra von zahlreichen Experten genannt, zu durchbrechen. Denn sollte im engsten Freundes- oder Familienkreis jemand mit dem Lepraerreger infiziert sein, so erh\u00f6hen prek\u00e4re Lebensbedingungen (unausgewogene Lebensmittelversorgung, unhygienische Lebensumst\u00e4nde in beengten R\u00e4umen) das Risiko sich anzustecken.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong><em><strong><em>60 Jahre mussten vergehen bis die Mitglieder der Vereinten Nationen Leprakranke als Menschen mit Behinderungen anerkannt haben<\/em><\/strong><\/em><\/strong>.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der pr\u00e4ventive und nachhaltige Ansatz, der die Verbesserung der Ern\u00e4hrung und Gesundheit sowie die Unterst\u00fctzung in Bildung umfasst, kann nur dann fruchten, wenn sich auf der zwischenmenschlichen Ebene die Stigmatisation aufl\u00f6st. Daf\u00fcr bedarf es nicht nur eines guten Willens \u2013 sondern eines gemeinschaftlichen juristischen Rahmens, der verpflichtet. Seit der Gr\u00fcndung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 hat es mehr als 60 Jahre gedauert, bis die Mitglieder der Vereinten Nationen Leprakranke als Menschen mit Behinderungen anerkannt haben. Die ILEP (The International Federation of Anti-Leprosy Associations), die FFL geh\u00f6rt ihr seit 1966 als Gr\u00fcndungsmitglied an, hat jahrelang Lobbyarbeit betrieben, damit Leprakranke von den Vereinten Nationen diesen Status erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vergangenen Jahr war es dann endlich soweit: Seit 2012 erkennt die UNO durch eine Resolution geheilte Leprakranke, die unter ihren Verst\u00fcmmelungen leiden, als Menschen mit Behinderungen an, die es in das gesellschaftliche Leben zu reintegrieren gilt. Seither steht Leprakranken zu \u2013 laut einer Konvention der Vereinten Nationen von 2006 (\u201eKonvention \u00fcber die Rechte von Menschen mit Behinderungen\u201c) \u2013 am politischen und kulturell-gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, Arbeit zu bekommen und Zugang zu Bildung zu erhalten. Luxemburg hat diese Konvention 2011 ratifiziert. Dieser Prozess steht einem Drittel der Mitgliedsl\u00e4nder noch bevor. Denn da die Konvention von den Vereinten Nationen stammt, ist sie nicht bindend \u2013 das w\u00e4re diese erst dann, wenn sie von allen Mitgliedsl\u00e4ndern ratifiziert w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong><em>Alle Gesetze abschaffen, die Leprakranke direkt oder indirekt stigmatisieren.<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Lobbyarbeit der ILEP geht demnach akribisch weiter. In Form einer Resolution fordert die ILEP von den Nationalregierungen, dass sie schnellst m\u00f6glich alle Gesetze abschaffen, die Leprakranke direkt oder indirekt stigmatisieren. Das Ziel der ILEP ist demnach klar, sie m\u00f6chten die Menschenrechte geltend machen, das Recht auf die Gleichbehandlung aller Menschen sp\u00fcrbar durchsetzen. Vor dem Hintergrund der Konvention der Vereinten Nationen von 2006 hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diesen Aspekt aufgegriffen. In einem\u00a0 ihrer j\u00fcngsten Berichte weist die WHO darauf hin, dass die weltweite Bek\u00e4mpfung von Lepra nur dann gelingen kann, wenn Hilfsorganisationen sich daf\u00fcr stark machen, dass Leprakranke und ihre Familien nicht l\u00e4nger stigmatisiert und diskriminiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die FFL spannt den Bogen noch weiter: Wer mit offenen Augen durch die Stra\u00dfen Luxemburgs geht, entdeckt tagt\u00e4glich Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer sozialen Zugeh\u00f6rigkeit, ihrer Hautfarbe etc. ausgegrenzt werden. \u201eFFL against exclusion\u201c ist daher nicht nur ein Motto, das den 60. Internationalen Weltlepratag begleitet. Auch am 22. M\u00e4rz fordert die FFL mit dem Konzert-Event \u201eRock against exclusion\u201c in der Rockhal (Esch\/Alzette) sowie am 28. September mit\u00a0 der Kunstausttellung \u201eArt against exclusion\u201c in der Abtei Neum\u00fcnster dazu auf, Ausgrenzung keine Chance zu geben. Ob hier oder anderswo.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welt ohne Lepra: Herausforderung des 21. Jahrhunderts<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Erst einmal die gute Nachricht: Lepra kann geheilt werden. Und das bereits seit 1981.\u00a0 Die\u00a0 Multi-Drug-Therapy (MDT), eine mehrmonatige Chemotherapie,\u00a0 f\u00fchrt unabh\u00e4ngig vom Stadium der Krankheit zu einer vollst\u00e4ndigen Heilung. Bereits ab dem ersten Tag der Kombinationstherapie mit mehreren Antibiotikaist der Patient nicht mehr ansteckend. Seit ihrer Gr\u00fcndung hat die FFL weit mehr als 500.000 Leprakranke erfolgreich behandelt. Die Nachricht, die wohl eher als schlecht einzuordnen ist, beruht auf der Tatsache, dass bislang nicht gen\u00fcgend Lepra-Forschungen betrieben werden. Es gibt vor allem zwei Forschungsfelder, die intensiviert werden m\u00fcssten. Zum Einen besteht das Problem, dass \u00c4rzte bislang nicht herausfinden k\u00f6nnen, ob eine Person mit dem Lepraerreger infiziert ist lange bevor die Krankheit ausbricht. Zum Anderen liegt die\u00a0 Schwierigkeit vor, dass Wissenschaftlern immer noch wichtige Erkenntnisse zur \u00dcbertragung fehlen: Klar ist, dass Lepra von Mensch zu Mensch \u00fcbertragen wird, wahrscheinlich \u00fcber Tr\u00f6pfcheninfektion.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong><em><strong><em>Seit ihrer Gr\u00fcndung hat die FFL weit mehr als 500.000 Leprakranke erfolgreich behandelt.<\/em><\/strong><\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da der genaue \u00dcbertragungsweg bis dato nicht deutlich ermittelt wurde, f\u00fchrt dies zu der Situation, dass Lepra mit den heutigen medizinischen Mitteln \u201enur\u201c auf dem jetzigen Stand gehalten werden kann. Dabei gilt es, diese Aussage in den korrekten Kontext zu setzen und das W\u00f6rtchen \u201enur\u201c zu relativieren, n\u00e4mlich aus zwei Gr\u00fcnden: Die Zahl der Leprakranken ist in den letzten Jahren nicht mit der steigenden Bev\u00f6lkerungszahl gewachsen \u2013 zudem ist es nunmal unglaublich positiv, dass Lepra heutzutage zumindest geheilt werden kann! Klar ist allerdings mittlerweile, dass eine Welt ohne Lepra mit Sicherheit nicht nur \u00fcber den medizinischen Weg (MDT) und \u00fcber die Optimierung der Lebensumst\u00e4nde (Verbesserung der Hygiene, Ern\u00e4hrung, Gesundheit und Bildung) zu erzielen ist. Die Mitarbeiter der FFL \u00fcbernehmen daher in West- und Zentralftika sowie auf Madagaskar auch die Funktion der \u201eSozialarbeiter\u201c, um das Problem auf der zwischenmenschlichen Ebene zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reintegration Leprakranker in das \u00f6ffentliche Kultur- und Sozialleben gelingt nunmal nur \u00fcber Aufkl\u00e4rung, Sensibilisierung und \u00fcber die selbstverst\u00e4ndliche Einbeziehung aller Leprakranker, wenn es um die Bek\u00e4mpfung der Krankheit auf allen Ebenen geht. Bei dieser Ausrichtung f\u00fchlt sich die FFL nicht zuletzt von der WHO gest\u00e4rkt: Diese hatte noch in einem ihrer j\u00fcngsten Berichte darauf hingewiesen, dass die weltweite Bek\u00e4mpfung von Lepra nur dann gelingen kann, wenn Hilfsorganisationen sich daf\u00fcr stark machen, auch jene Leprakranke zu behandeln, die in unzug\u00e4nglichen Gebieten leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die WHO w\u00fcnscht daher, dass sich nationale Hilfsorganisationen auch f\u00fcr die Verbesserung der Transportwege einsetzen. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts, eine Welt ohne Lepra zu erschaffen, kann demnach nur dann gelingen kann, wenn Hilfsorganisationen sich daf\u00fcr stark machen, dass Leprakranke und ihre Familien nicht l\u00e4nger stigmatisiert und diskriminiert werden \u2013 und bereits sind, f\u00fcr dieses Ziel diverse Wege einzuschlagen. Wie aktuell das Thema ist, zeigt unter anderem die Lage auf den Komoren: Dort hat sich die Zahl der Neuinfizierten in den letzten 20 Jahren sage und schreibe verdreifacht! Tragisch ist, dass sich auf den Komoren vergleichsweise zu anderen afrikanischen L\u00e4ndern besonders viele Kinder mit dem Lepraerreger (<em>Mycobacterium leprae<\/em>) infizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Leprakranke auf den Komoren lebten schon vor der Erkrankung in gro\u03b2er Armut, mit dem Ausbruch der Krankheit k\u00f6nnen viele Menschen nicht mehr arbeiten, sie sind von ihren Familien abh\u00e4ngig und ihr Leben lang auf deren Unterst\u00fctzung angewiesen. Die FFL will diese Situation f\u00fcr die Betroffenen verbessern: Erkrankte k\u00f6nnen nun nach der Genesung Mikrokredite erhalten und etwa ein kleines Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen, um selbstst\u00e4ndig Geld zu verdienen. Zudem bem\u00fcht sich die FFL, ihnen auch bei der Ausstattung zu helfen. Ein Mann mit verkr\u00fcppelten H\u00e4nden braucht etwa spezielles Werkzeug, um arbeiten zu k\u00f6nnen. Die FFL unterst\u00fctzt das Land seit Anfang 2011 bei seinem Nationalprogramm gegen Lepra w\u00e4hrend drei Jahren mit einem Gesamtbetrag von 375.000 Euro.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"475\" src=\"https:\/\/www.ffl.lu\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/karte2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2809\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die FFL konzentriert sich in ihrer Gesamtausrichtung l\u00e4ngst nicht mehr ausschlie\u00dflich auf die Bek\u00e4mpfung von Lepra. In diesem Jahr unterst\u00fctzt die luxemburgische NGO in zehn zentral- und westafrikanischen L\u00e4ndern mehr als 30 Hilfsprojekte.\u00a0 Zusammenfassend kann man sagen, dass die FFL in ihrer Projektausrichtung vier Axen verfolgt: Verbesserung des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens (Bau und Einrichtung von Krankenh\u00e4usern, Einrichtung von Wasser- und Abwasseranlagen als prim\u00e4re Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen etc.),\u00a0 Eingliederung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher in eine schulische oder berufliche Ausbildung (Bau\u00a0 und Einrichtung von Bildungszentren etc.), Hilfestellungen f\u00fcr Kinder in Not (Ma\u00dfnahmen gegen Kinderhandel, Auffangzentren f\u00fcr Stra\u00dfenkinder etc.) und Bek\u00e4mpfung vernachl\u00e4ssigter, tropischer Krankheiten (dazu geh\u00f6rt neben Lepra auch Buruli Ulcer und Tuberkulose).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00fcrden Sie einem Leprakranken die Hand reichen? 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